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Schmuckseeschwalbe Sterna elegans im Herbst 2004 in Deutschland

Club300 Deutschland

Schmuckseeschwalbe (Elegant Tern), 
© A. Noeske

Schmuckseeschwalbe, Brokdorf 2004 (Andreas Noeske)


ABSTRACT     An Elegant Tern Sterna elegans was present at Brokdorf, Schleswig-Holstein, from 26th September to 5th October 2004. The bird stayed at the outlet of a nuclear powerstation at the River Elbe where it was subsequently seen and photographed by many birders. The tern was first identified as a possible Lesser Crested S. bengalensis. But in the morning of the 27th it was commonly agreed that it was indeed Germany's first Elegant Tern. The identification was based on a combination of a long, narrow, orange bill, winter-type black cap encompassing the eye, long crest, strong pink flush to the underparts, pale grey upperparts and whitish rump. Identification was confirmed by Klaus Malling Olsen, Denmark, and Alvaro Jaramillo, California. More photographs can be found in the Club300 Gallery.

Am Sonntag, 26. September 2004, waren Stefan Garthe und Philipp Schwemmer zu regelmäßigen Vogelzählungen an der Unterelbe unterwegs, als sie am Auslass vom Kernkraftwerk Brokdorf unter den dort versammelten Möwen und Seeschwalben eine orangeschnäbelige Seeschwalbe entdeckten. Ohne auf diese Situation vorbereitet zu sein, nahmen sie zunächst an, dass es sich bei dem Vogel am ehesten wohl um eine Rüppellseeschwalbe Sterna bengalensis handeln könnte. Sie informierten Volker Dierschke über ihre Entdeckung, der die Meldung umgehend über die Hotline des Club300 weiterleitete. Während Deutschlands Birderszene am Sonntagabend bereits nichts ahnend dem meist wohlverdienten Schlaf entgegen dämmerte, warfen Arne Torkler und Daniel Kratzer in Celle eher zufällig einen letzten Blick ins Internet, um dann sofort wieder hellwach zu werden. Durch zahlreiche Telefonate wurden überraschte Freunde und Bekannte über die Beobachtung in Kenntnis gesetzt sowie konkrete Pläne für die Vorgehensweise am nächsten Morgen gemacht. Der Gedanke, dass es sich aufgrund der starken Stürme während der letzten Tage und Wochen, mit dem gleichzeitigen Auftreten zahlreicher Sturmgäste, auch um die sehr ähnliche Schmuckseeschwalbe S. elegans aus Nordamerika handeln könnte, kam gleich mehreren Beobachtern in den Sinn und schien nach den schweren tropischen Wirbelstürmen über der Karibik und den Sturmtiefs über Nordwesteuropa auch nicht völlig abwegig zu sein. Wie so oft kam auch diesmal die Meldung für viele Birder zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Die Wetteraussichten waren schlecht, DK hätte seine Heimreise ins 800 km entfernte Süddeutschland antreten sollen und AT hatte ebenfalls bereits anderweitige Pläne. Sie sollten jedoch nicht die Einzigen bleiben, die diese kurzerhand über den Haufen warfen. Am Montag gegen 6.00 Uhr trafen DK und AT bei völliger Dunkelheit und starkem Regen am Kernkraftwerk Brokdorf ein, etwa 45 Minuten später erschien auch Axel Halley, der sich trotz einer anstrengenden Nachtschicht ebenfalls frühzeitig auf den Weg gemacht hatte. Gegen 7.20 Uhr war es bei strömendem Dauerregen und anhaltend heftigem Westwind nahezu unmöglich, überhaupt zu beobachten. Dennoch fand DK den jagenden Vogel nach etwa 20 Minuten unter den zahlreichen Flussseeschwalben S. hirundo wieder. Der ebenfalls frühzeitig anwesende Steffen Gruber konnte den Vogel schon vorher einmal am Auslass des Kühlwassers ausmachen. Die Seeschwalbe wurde sofort unter Vorbehalt als Update über die Club300-Hotline an alle Beobachter gemeldet, wobei AH, DK und AT bereits während der ersten Augenblicke der Beobachtung Zweifel an der Diagnose "Rüppellseeschwalbe" kamen. Der auffällig weißliche Bürzel, der lange spitze Schnabel und die rosa überhauchte Unterseite sprachen gegen das erwartete Erscheinungsbild einer Rüppellseeschwalbe. Also doch eine Schmuckseeschwalbe (Abb.1)?



Abb.1: Schmuckseeschwalbe Sterna elegans, Brokdorf, Schleswig-Holstein, 28. September 2004 (Henrik Mouritsen).

Zwischenzeitlich konnte der Vogel aus aller nächster Nähe studiert werden und es verdichteten sich die Hinweise, dass es sich tatsächlich um eine Schmuckseeschwalbe handeln könnte; außerdem stützte die kurze Beschreibung im mitgeführten "Rare Birds" diese Vermutung. Eine weitere Meldung mit neuesten Erkenntnissen sowie der Bitte, weiterführende Literatur mitzubringen, wurde an die Clubgemeinde abgesetzt. Neben der Rüppellseeschwalbe galt es auch Hybriden auszuschließen, über die bereits mehrfach in europäischen Zeitschriften berichtet worden war. Nachdem sich das Wetter deutlich besserte, wurde auch der seltene Gast zunehmend kooperativer und setzte sich zusammen mit anderen Seeschwalben und Möwen an den Elbestrand oder auf den Deich (Abb.2). Jetzt konnten erste Belegfotos und Videosequenzen angefertigt werden. Angesichts der geringen Fluchtdistanz der ebenfalls anwesenden Schmarotzer- Stercorarius parasiticus, Falkenraubmöwen S. longicaudus, Schwalbenmöwen Xema sabini und anderer Seeschwalben- und Möwenarten durften mehrere Fotografen später bittere Erfahrungen in Sachen "amateurhafte" Vorbereitung sammeln.

Kurze Zeit später verschwand der Vogel nahezu unbemerkt aus den Augen der Beobachter, was von der nächsten, eine Stunde später eintreffenden Gruppe aus Bremen zunächst mit bekannt neutralen Gefühlsregungen zur Kenntnis genommen wurde. Die Stimmung bei den weiterhin eintreffenden Beobachtern besserte sich kaum, zumal sich die Anzahl der übrigen Seeschwalben verringert hatte und es so schien, als ob der Vogel abgezogen sei. Es zeichnete sich ab, dass die meisten sich mit dem Gedanken abfinden mussten, für diesen deutschen Erstnachweis zu spät aufgestanden zu sein und so den Vogel nur ganz knapp verpasst zu haben. Als jedoch DK beiläufig den Satz "Da fliegt übrigens die Seeschwalbe!" äußerte, wechselte die Stimmung schlagartig. Augenblicke später hatten sämtliche anwesenden Birder den Vogel entdeckt. Mit den nunmehr vorliegenden Büchern und Zeitschriften konnte die Diskussion über die wahre Identität der Seeschwalbe erneut beginnen. Bei hervorragenden Beobachtungsumständen ließen sich alle entscheidenden Bestimmungskriterien bestens nachvollziehen, so dass die anfängliche Vermutung bei allen Anwesenden auf Zustimmung stieß: Deutschlands erste Schmuckseeschwalbe hielt sich am Kernkraftwerk bei Brokdorf auf.

Zahlreiche Clubmitglieder nutzen während der folgenden Tage die wohl einmalige Gelegenheit, diese Art in heimischen Gefilden beobachten zu können und nahmen notfalls auch längere Anfahrtswege in Kauf. Die Schmuckseeschwalbe wurde letztmalig am 5. Oktober in leider deutlich geschwächter Verfassung vor dem Kraftwerk beobachtet.



Abb.2: Schmuckseeschwalbe Sterna elegans, Brokdorf, Schleswig-Holstein, Oktober 2004 (Peter Meyrahn).


Beschreibung

Größe und Gestalt: Im Vergleich zu den zahlreich anwesenden Flussseeschwalben Sterna hirundo war die Schmuckseeschwalbe deutlich größer, langflügeliger und kräftiger gebaut. Gestalt und Oberseitenfärbung ähnelten denen einer Brandseeschwalbe S. sandvicensis, von der ebenfalls wenige Vögel anwesend waren. Vielen Beobachtern erschien sie noch etwas größer und kräftiger, manchem sogar dickleibiger als diese. Besonders auffällig war der lange, orangefarbene Schnabel. Der Flug war elegant mit weichen Flügelschlägen.

Gefiederfärbung: Der Kopf zeigte die Merkmale des ´Winterkleides´, d.h. die vordere Hälfte des Oberkopfes war von der Stirn bis zum Scheitelpunkt überwiegend weiß, jedoch mit vielen schwarzen Federn durchsetzt, die als mehr oder weniger auffällige kleine schwarze Flecken in Erscheinung traten. Die schwarze Gesichtsmaske umrandete die Augen nahezu vollständig und ließ nur am unteren Augenrand eine Verbindung zur sonst weißen Kopfseite frei. Das Auge war also nicht gegen das schwarze Gefieder abgesetzt und löste sich praktisch in dem Schwarz auf. Vom Scheitel an bildeten die schwarzen Federn einen langen, struppigen Schopf am Hinterkopf. Dieser Schopf war je nach Perspektive, Kopfhaltung und Nässezustand mal auffallend lang, so dass er bis auf den Mantel reichte, konnte aber auch deutlich kürzer wirken (Abb.3).

Mantel und die Flügeloberseiten waren hellgrau und etwas heller als bei den anwesenden Lachmöwen Larus ridibundus. Die dunkleren äußeren Handschwingen kontrastierten deutlich zur hellgrauen Oberseite. Auch zu den dunklen Armschwingen bestand ein Kontrast, der aber weniger stark ausfiel (Abb.4). Ebenfalls gut sichtbar war der Kontrast vom grauen Rücken zum weißen Bürzel, der bei geringer Entfernung und fehlendem grellen Licht einen ganz leichten grauen Anflug aufwies, ebenso wie die Oberschwanzdecken und der Schwanz. Einige Steuerfedern hatten zur Spitze hin dunklere Flecken. Jedoch wirkte die Bürzel-Schwanz-Region meist weiß und war gegenüber dem Rücken klar abgegrenzt, so dass die Oberseite ähnlich der einer Brandseeschwalbe aussah.

Die einheitlich weiße Unterseite wies eine auffällige rosa Färbung auf, die viele Beobachter an eine Rosenmöwe Rhodostethia rosea erinnerte, wenngleich der Rosaton weniger intensiv ausfiel (Abb.3). Diese rosa Tönung war praktisch an allen weißen Gefiederpartien auszumachen, reichte also von den Unterschwanzdecken bis zu den Kopfseiten und Unterflügeln und war in Abhängigkeit von den Lichtverhältnissen unterschiedlich stark auffällig.

Unbefiederte Körperteile: Augen und Beine/Füße schwarz. Auf der Rückseite des rechten "Kniegelenks" war ein kleiner orangegelblicher Fleck erkennbar. Der Schnabel war ausgesprochen lang (länger als bei einer Brandseeschwalbe) und orangefarben, zur Spitze hin gelblicher werdend. Die Länge des Schnabels entsprach mindestens dem Abstand von der Schnabelbasis bis zum Hinterkopf. Zeitweise entstand der Eindruck, als ob der Schnabel leicht abwärts gebogen wäre, meist wirkte er jedoch gerade. Das wenig ausgeprägte Gonyseck lag von der Schnabelmitte aus etwas näher an der Basis. Nach Abmessungen am Foto von Daniel Kratzer (Abb.3), auf dem der Schnabel parallel zum Betrachter gehalten wird und daher am längsten aussieht, ergibt sich ein Verhältnis 5:1 von Schnabellänge zu Schnabelhöhe (an der Basis bzw. am Ende der Nasenlöcher gemessen).



Abb.3: Schmuckseeschwalbe Sterna elegans, Brokdorf, Schleswig-Holstein, 27.09.2004. (links: Daniel Kratzer, rechts: Ralf Aumüller).
Auf dem linken Foto hält der Vogel seinen Schnabel parallel zur Bildebene, so dass seine volle Länge sichtbar ist. Besonders deutlich ist die rosa Färbung an Brust und Kopfseite zu erkennen. In dieser Haltung lässt sich auch die Länge des Schopfes sehr gut beurteilen. Beim rechten Foto könnte man annehmen, dass es sich um einen anderen Vogel handelt. Der Schnabel wird nicht parallel zur Bildebene gehalten und wirkt dadurch kürzer. Aufgrund der eingezogenen Kopfhaltung ist es unmöglich, die Länge des Schopfes zu beurteilen. Mehrere Fotos von der ersten britischen Schmuckseeschwalbe (Marshall 2002) findet man zum Vergleich in Link 24.



Abb.4: Schmuckseeschwalbe Sterna elegans, Brokdorf, Schleswig-Holstein, September 2004 (links: Henrik Mouritsen, rechts: Peter Schleef), beide Fotos in größerem Format in der Gallery unter www.club300.de.
Eine genaue Altersbestimmung gestaltet sich schwierig, da dunkle Armschwingen auch bei adulten Vögeln vorkommen können (Link 3), der Vogel befindet sich also mindestens im zweiten Winter. Links ist der hellere Bürzel mit dem grauen Anflug zu erkennen, rechts dagegen ist der Kontrast weniger auffällig, wodurch das Flugbild hier an eine Rüppellseeschwalbe S. bengalensis erinnert, bei der Bürzel und Schwanz nicht zum Mantel kontrastieren. Es gibt keine Hinweise, dass bei Rüppellseeschwalben überhaupt weiße Bürzel vorkommen. Dennoch kann gerade bei der helleren Unterart emigrata (Brutvogel im Mittelmeer) durch Abnutzung und starke Sonneneinstrahlung der Bürzel ausgeblichen sein und damit heller wirken. Dagegen ist ein leicht gräulicher Anflug auf dem Bürzel bei Schmuckseeschwalben durchaus nicht untypisch, wobei aber immer noch ein deutlicher Kontrast zum grauen Mantel bleibt. Gut zu erkennen ist die Ausdehnung der schwarzen Maske, welche das Auge fast vollständig umschließt. Dieses Merkmal findet man so deutlich ausgeprägt beim ganz überwiegenden Teil der Schmuckseeschwalben, auch wenn Rüppell- und Königsseeschwalben S. maxima im Übergangskleid eine sehr ähnliche Kappe aufweisen können (Link 9, vergleiche mit Link 4). Zumeist wird bei diesen beiden Arten das Auge durch deutliche weiße Augenklammern oder ein weißes Feld von der schwarzen Kappe abgesetzt. Ein so deutlich abgesetztes Auge kann allerdings auch bei Schmuckseeschwalben vorkommen (Gantlett 2003).


Kommentar von Klaus Malling Olsen, Dänemark:

"Judging from the published photographs, I think the German tern is an Elegant Tern. I have checked further photos of flocks taken in California (many unpublished) and would like to add:

1: Bill looks right for Elegant Tern, being indeed very slender. It is not the longest-billed individual I have seen, but far from the shortest-billed. The shape looks right; note, that the tip is not really drooping, as is often expected from Elegant, but this is only valid for the longest-billed individuals. There is a tendency for the bill to look slightly paler towards the tip, which again is good for Elegant Tern. Certain birds have a redder base contrasting well to a paler orange-yellow tip - again this is the "ideal case" - many, especially shorter-billed birds do not show this bicoloration (especially juveniles may show a shorter, uniform orange bill). A potential ID pitfall, Cayenne Tern, would have shown a thicker bill similar to Lesser Crested Tern.

2: The mask seems to cover the eye, which is unique among the red-billed terns. Some Elegant show a very narrow white eye-ring (especially at the lower part of the eye), which might be the case in your bird. Other similar species should show a broad and complete white eye-ring, in both Sandwich and Lesser Crested making the eye staring. In the hypothetical case of a hybrid a complete white eye-ring would have been visible - this is not the case here.

3: The rump contrasts well to mantle, being whitish; Lesser Crested would show a grey rump, almost concolourous or slightly paler than mantle, not the clear contrast seen here.

4: I have never seen Lesser Crested with pinkish flush to the underparts, just Elegant (and Sandwich).

5: The crest looks rather short - not long, "punk-looking" as one would expect in Elegant. But there is variation, with birds matching your bird being present, also in my photo collection referred to above.

6: The darker secondaries could as well as some scattered darker grey lesser coverts be signs if immaturity (2nd cal. year). In theory the darker secondaries could be a sign of very old, darkening feathers, but most probably, these are signs of the bird being in its 2nd cal. year. It has been suggested, that 2nd cal. year birds never show dark crown spotting. However, in Common and Arctic Tern, recent findings have proved certain 2nd cal. year birds to appear summer-plumaged. Very little is published on ageing of the larger orange-billed terns, but theoretically, some advanced birds could develop summer caps, thus explaining scattered black crown feathers.

All in all, I can see nothing really against Elegant Tern. However, for a species with such limited range, material here in Europe will always be scattered (there are only few available skins in the European main skin collections - most of my material comes from the Smithsonians Institution, Washington). However, with such a limited range one would not expect any geographical variation. The individual variation is caused by slight differences between sexes with males being the longest-billed individuals (with most characteristic bills). The bill is shorter in juveniles, which grows to full length during 1st autumn/winter (based on hundreds of studied tern skins)."

     Klaus Malling Olsen

Klaus Malling Olsen ist vielen bekannt durch die Bestimmungsbücher "Gulls", "Skuas" und "Terns", das hier besonders hilfreich war.


Kommentar von Alvaro Jaramillo, Kalifornien:

"I looked at the photos and must agree that it does look like an Elegant Tern. Or in other words, there is nothing in the photos that tells me it is not an Elegant Tern. The structure is good, and nothing is odd. A brighter orange bill with a yellow tip would have been more "classic" but the bill colour and structure of your bird is common in large flocks we see here in California. In fact bill colour and even leg colour is extremely variable in Elegant Tern. One feature I like a lot is the pink wash on the underparts which shows up on several pictures. In the flocks we see here in the summer and fall, most Elegant Terns you can get a good look at show the pink wash. It is typical of this species, and I gather that it is not so typical of the old world species of similar sized terns, correct? What else can I say? Well, if anyone heard it and recorded the call that would also be useful, it could be compared to recordings from here. The adult calls are a double syllabled kee-reeek, that sounds somewhat like a North American Royal Tern, I have no experience with Lesser Crested Terns to compare vocalizations. Elegant Terns are quite vocal, at least when they are here on in wintering areas in Chile."

     Alvaro Jaramillo

Alvaro Jaramillo ist ein in Kalifornien lebender Biologe und Birder. Er ist Autor von "Birds of Chile" und darüber hinaus als internationaler Tourleader tätig.


Anmerkungen vom Club300

"Fotografier den Vogel oder vergiss ihn" (Kaufman 1990: 152). Diese Forderung ist gerade bei orangeschnäbeligen Irrgästen der Gattung Sterna berechtigt. Dies gilt umso mehr, wenn sich - wie in unserem Fall - der Gast etwa 10.000 Kilometer abseits seines normalen Verbreitungsgebietes aufhält (Link 6). Die Variation der Merkmale, die für die Unterscheidung von Rüppell- und Schmuckseeschwalben entscheidend sind, ist äußerst verwirrend. Dabei ist der orangefarbene Schnabel mit Sicherheit dasjenige Merkmal, welches die Blicke am stärksten anzieht. Leider ist es jedoch als Einzelkriterium für eine sichere Bestimmung problematisch. Rüppell- und Schmuckseeschwalben haben zwar bei der Schnabelhöhe fast identische Werte, dafür sind die Variationsbreiten der Schnabellängen umso größer und reichen bei adulten elegans von 53,2-68,6 mm, bei adulten bengalensis von 47,2-62,0 mm (Malling Olsen & Larsson 1995). Im günstigsten Fall wäre der Schnabel einer Schmuckseeschwalbe also etwa 45% länger als der einer Rüppellseeschwalbe. Dieser klassische Idealfall ist auch annähernd im "Rare Birds" (Lewington et al. 1991: 259), dem Standardwerk für Seltenheiten in Europa, mit einem Unterschied von etwa +40% dargestellt. Aus den Maßen ergibt sich, dass die Schnäbel bei diesen beiden Arten unterschiedlich proportioniert sind. Bei der Schmuckseeschwalbe beträgt das Verhältnis Länge zu Höhe 5-5,5:1 (5:1 beim Brokdorfer Vogel), bei der Rüppellseeschwalbe dagegen im allgemeinen nur 4-4,5:1 (Malling Olsen & Larsson 1995: 63), obwohl es auch hier vermutlich zu Überschneidungen kommt. Weniger bekannt ist auf dieser Seite des Atlantiks, dass das Erscheinungsbild einer beträchtlichen Anzahl von Schmuckseeschwalben von diesem Ideal deutlich abweicht. Die folgenden, von Alvaro Jaramillo aufgenommenen Fotos von Schmuckseeschwalben im Winterkleid in den USA zeigen die beträchtlichen Unterschiede (Abb.5-7). So führen Vögel mit weniger klassischen Merkmalen immer wieder dazu, dass eine sichere Bestimmung (bislang) nicht möglich erscheint oder man zumindest zur Zeit damit noch sehr zurückhaltend ist (Gantlett 2003, Millington 2002, Link 23, 24).



Abb.5: Schmuckseeschwalbe Sterna elegans, Princeton Harbour, Kalifornien, USA, 16. Oktober 2002 (Alvaro Jaramillo).
Dieser adulte Vogel hat einen sehr kräftig rötlich-orange gefärbten Schnabel, der darüber hinaus recht kurz und gerade ist; das Gonyseck befindet sich etwa auf halber Schnabellänge oder sogar etwas näher zur Basis. Obwohl der Schnabel dem einer Rüppellseeschwalbe S. bengalensis sehr ähnlich scheint, beträgt das Verhältnis Schnabellänge zu -höhe nach diesem Foto dennoch mindestens 5:1. Das Gonyseck kann bei elegans und bengalensis mittig platziert sein, bei Schmuckseeschwalben aber auch näher zur Basis, bei Rüppellseeschwalben näher zur Schnabelspitze. Bei sehr langschnäbeligen Exemplaren ist es oft gar nicht erkennbar. Der Schopf erscheint hier kurz, die Länge ist aber aufgrund der Haltung nicht zu beurteilen.



Abb.6: Schmuckseeschwalben Sterna elegans, Princeton Harbour, Kalifornien, USA, 16. Oktober 2002 (Alvaro Jaramillo).
Der Vogel hinten links zeigt die klassischen Merkmale einer Schmuckseeschwalbe: langer Schopf, dunkel eingefasstes, nicht abgesetztes Auge und langer, dünner, leicht gebogener Schnabel, der an der Basis deutlich orange gefärbt ist und zur Spitze gelblicher wird. Der adulte Vogel im Vordergrund hat einen sehr kurzen, geraden sowie gelben Schnabel, wie er sonst für Cayenneseeschwalben S. sandvicensis eurygnatha (gelbschnäbelige Form der Brandseeschwalbe in Südamerika) typisch ist (Link 10-14).



Abb.7: Schmuckseeschwalben Sterna elegans, Princeton Harbour, Kalifornien, USA, 16. Oktober 2002 (Alvaro Jaramillo).
Auffällig sind schon bei diesen wenigen Exemplaren die großen Unterschiede in Länge, Form und Farbe des Schnabels, man beachte auch das Erscheinungsbild der schwarzen Kappe und die Länge des Schopfes. Der zweite Vogel von vorn ist im ersten Winter (dunkle Schirmfedern), weshalb der Schnabel möglicherweise noch nicht vollständig ausgewachsen ist. Allerdings zeigen auch adulte Schmuckseeschwalben hin und wieder kurze Schnäbel.


Die Rüppellseeschwalbe (Abb.8-10) kann anhand der Merkmalkombination Schnabel, Ausprägung der schwarzen Winterkappe, Länge des Schopfes, Oberseitenkontrast von hellgrauem Mantel zum weißlichen Bürzel und der rosa Tönung ausgeschlossen werden. Bei der Rüppellseeschwalbe ist die Oberseite inklusive Bürzel, Oberschwanzdecken und Schwanz dunkler grau und weist keinerlei Kontrast auf. Das meist auffälligere Gonyseck liegt näher zur Schnabelspitze als beim Brokdorfer Vogel. Einen Vergleich von Schnabellängen und Grauwerten der Oberseite von Schmuckseeschwalben gegenüber Rüppell- und anderen Seeschwalben findet man auf dem Foto von Bälgen in Link 2.



Abb.8: Rüppellseeschwalbe Sterna bengalensis und Brandseeschwalben S. sandvicensis, Khor Taqah, Oman, Dezember 1998 (Axel Halley).
Rüppellseeschwalben haben eine dunklere graue Oberseite als Brandseeschwalben. Auf diesem Foto ist ein Unterschied allerdings kaum zu erkennen. Direkte Sonneneinstrahlung und Reflektionen an der Federstruktur verhindern oft eine exakte Einschätzung des Grautons. Unter standardisierten Laborbedingungen ist der Unterschied dagegen gut zu erkennen, wie das Foto der Bälge in Link 2 zeigt.



Abb.9: Rüppellseeschwalbe Sterna bengalensis, Dibba, Vereinigte Arabische Emirate, Dezember 1992 (Axel Halley).
Bei dieser Rüppellseeschwalbe ist der Schnabel dem einer Schmuckseeschwalbe äußerst ähnlich: sehr lang, sogar leicht gebogen wirkend und zur Spitze hin gelblicher. Das Auge ist wie bei der Königsseeschwalbe deutlich von der schwarzen Kappe isoliert. Allerdings haben einzelne Schmuckseeschwalben ebenso stark reduzierte Kappen wie diese Rüppellseeschwalbe (Gantlett 2003).



Abb.10: Rüppellseeschwalben Sterna bengalensis, Karan, Saudi-Arabien, Juni 1991 (Arnoud van den Berg).
Auch bei der starken Sonneneinstrahlung ist hier zu erkennen, dass die graue Oberseite dunkler ist als bei Schmuckseeschwalben. Bürzel und Schwanz haben den gleichen Grauton wie Rücken und Flügel.


Beim Auftreten orangeschnäbeliger Seeschwalben in unseren Regionen besteht grundsätzlich eine Verwechslungsmöglichkeit auch mit der (afrikanischen Unterart der) Königsseeschwalbe S. maxima (albididorsalis) (Dubois 1991, Wheeler 1989, Link 18, 21, Abb.11). Allein der im Vergleich zur Schmuckseeschwalbe massivere Schnabel mit deutlichem Gonyseck schließt diese Art jedoch eindeutig aus. In Link 5 können beiden Arten nebeneinander auf einem Foto verglichen werden.



Abb.11: Königsseeschwalbe Sterna maxima, Galveston, Texas, Dezember 1994 (Axel Halley).
Die meiste Zeit des Jahres tragen Königsseeschwalben die schwarze "Winterkappe" mit dem deutlich isolierten Auge. Die Schnabelform ist ganzjährig das beste Einzelkriterium zur Unterscheidung gegenüber der Schmuckseeschwalbe (Kaufman 1990: 151). Schwierig kann bei Irrgästen in unseren Breiten auch eine Unterscheidung zwischen Königs- und Rüppellseeschwalbe sein. Die Rüppellseeschwalbe ist schon in Deutschland nachgewiesen worden. Die Königsseeschwalbe ist bis nach Spanien, Großbritannien und Norwegen gelangt, wobei Ringfunde eines spanischen sowie eines britischen Vogels deren Herkunft aus Nordamerika belegen (Dennis 1994, Lewington et al. 1991: 162).


Da sich sowohl Rüppell- als auch Schmuckseeschwalben in Europa mehrfach mit Brandseeschwalben verpaart und erfolgreich Jungvögel groß gezogen haben, ist auch die Möglichkeit eines Hybriden in Betracht zu ziehen (Mullarney 1999). Generell ist wenig über solche Hybriden bekannt. Die Schwierigkeiten für Beobachter und Seltenheitenkommissionen werden auch durch den Vogel im Sommer 1988 in Belgien verdeutlicht (Boesman 1992). Die Seeschwalbe wurde anfangs als Rüppell-, dann als Königsseeschwalbe bestimmt, um dann schließlich als Schmuckseeschwalbe veröffentlicht zu werden. Der Vogel wurde durch die Belgische Seltenheitenkommission (http://www.bahc.be/documents.htm) jedoch nicht anerkannt, da die Merkmale des adulten Vogels als Hybridmerkmale interpretiert wurden (Verroken 1991). Gründe für diese Ablehnung sollen hier zitiert werden, zumal bei der Brokdorfer Schmuckseeschwalbe in ähnlicher Weise argumentiert wurde: "the typically long, fine and decurved bill of Elegant Tern was absent. The bill colour was orange-yellow with a yellow tip. Elegant usually shows distinct reddish tinge at base of bill. The upperparts colouration was as pale as Sandwich Tern. Elegant and Lesser Crested Tern have darker upperparts [Anm.: vergleiche Grautöne in Link 2]. The underparts had the pinkish tinge typical of Elegant, but Sandwich regularly shows pink on the underparts (pers. obs.) so a hybrid can presumably show this too. … The crest was short and of the same length as Sandwich Tern. Elegant invariably shows a long and waving crest. Recently, photos of the Belgian bird were sent to Dr Ruud van Halewyn, who has examined many skins of Elegant Tern and agrees that it was not an Elegant. The Irish and French "Elegant" Terns apparently showed a number of the same anomalies, so I believe that these were probably hybrids too. … Perhaps Elegant Tern should be removed from the Western Palearctic List" (Verroken 1991).

Die Merkmalvariationen von Schmuckseeschwalben sind heute auch europäischen Birdern wesentlich besser bekannt als noch zum Ende des vorigen Jahrhunderts. Dennoch sind die Schwierigkeiten bei der Bestimmung orangeschnäbeliger Irrgäste noch immer nicht vollständig überwunden, da bis heute eindeutige Nachweise und Beschreibungen bzw. Fotos von adulten Hybriden zwischen Brand- x Rüppell- oder Schmuckseeschalben fehlen. Am ehesten sind noch Beschreibungen über die Nachkommen von Rüppell- x Brandseeschwalben-Hybriden in der Literatur zu finden (Baxter 1996, Dies & Dies 1998, Gillon & Stringer 1994, Malling Olsen & Larsson 1995). Grundsätzlich können solche Hybriden sehr unterschiedlich aussehen, sollten aber Merkmale beider Elterntiere aufweisen oder die Merkmale sollten intermediären Charakter zeigen. Nachkommen von Rüppell- x Brandseeschwalben-Paaren auf den Inner Farne Inseln in Großbritannien hatten entweder brandseeschwalbenartige Schnäbel mit zusätzlich gelblichen Abzeichen auf dem Oberschnabel und fahl-gräuliche Bürzel oder aber gelbliche Zonen im Unterschnabel und einen weißen Bürzel. Aber auch schmutzig-gelbliche Schnäbel bis hin zu orangefarbenen mit gelblichen Spitzen wurden angeblich beobachtet (Malling Olsen & Larsson 1995). Die Variationen der Schnabelfärbung von Hybriden zwischen gelbschnäbeligen und ´normalen´ Brandseeschwalben werden in Link 10 dargestellt. Auch wenn die Cayenneseeschwalbe S. sandvicensis eurygnatha nur als Unterart der Brandseeschwalbe betrachtet wird, so geben diese Fotos doch einen Hinweis darauf, wie die Schnabelfärbung bei adulten Hybriden von Brandseeschwalben mit Schmuck- oder Rüppellseeschwalben aussehen könnte. Da die Schmuckseeschwalbe in Brokdorf keine Merkmale zeigte, die außerhalb der bekannten Variationsbreite dieser Art liegen oder eindeutig als intermediär zu beurteilen sind, ist für diesen Vogel die Hybridtheorie nicht plausibel.


Danksagung

Stefan Garthe und Philipp Schwemmer danken wir für die umgehende Weiterleitung ihrer aufregenden Entdeckung. Ralf Aumüller, Axel Halley, Daniel Kratzer, Peter Meyrahn, Henrik Mouritsen, Peter Schleef und Arnoud van den Berg überließen uns sehr nützliche Fotos. Alvaro Jaramillo und Klaus Malling Olsen waren so freundlich, ihnen zugesandte Fotos umgehend zu kommentieren - AJ stellte zusätzlich eigene Aufnahmen zur Verfügung. Axel Halley, Daniel Kratzer, Andreas Noeske, Stefan Pfützke und Arne Torkler beteiligten sich bei der Erstellung des Manuskripts, wobei AN nicht nur die gesamte Koordination übernahm, sondern auch das Titelbild anfertigte.


Literatur

  1. Baxter, A. 1996: Elsie’s hybrid young. Birding World 9: 448.
  2. Boesman, P. 1992: Sierlijke Stern te Zeebrugge in juni-juli 1988. Dutch Birding 14: 161-169.
  3. Dennis, J.V. 1994: Transatlantic migration by ringed birds from North America. Dutch Birding 16: 235-237.
  4. Dies, J.I. & B. Dies 1998: Hybridisation between Lesser Crested and Sandwich Terns in Valencia, Spain, and plumage of offspring. British Birds 91: 165-170.
  5. Dubois, P.J. 1991: Identification forum: Royal, Lesser Crested and Elegant Terns. Birding World 4: 120-123.
  6. Gantlett, S. 2003: Photo-forum: identification of orange-billed terns. Birding World 16: 285-304.
  7. Gillon K. & G. Stringer 1994: Elsie II - the next generation of hybrid Lesser Crested x Sandwich Terns. Birding World 7: 312-315.
  8. Kaufman, K. 1990: A field guide to advanced birding. Boston.
  9. Lewington, I., P. Alström & P. Colston 1991: A field guide to the rare birds of Britain and Europe. London.
  10. Malling Olsen, K. & H. Larsson 1995: Terns of Europe and North America. London.
  11. Marshall, P. 2002: The Elegant Tern in Devon - a new British bird. Birding World 15: 209-211. Fotos in Link 24.
  12. Millington, R. 2002: The orange-billed terns in summer 2002. Birding World 15: 287-290.
  13. Mullarney, K. 1999: The Elegant Tern in County Wexford. Birding World 12: 275-280.
  14. Verroken, L. 1991: Presumed hybrid Sandwich x Lesser Crested Tern. Birding World 3: 418-419.
  15. Wheeler, P. 1989: Geographical variation in Royal Terns. Birding World 2: 326-327.

Ergänzende Links

Elegant Tern
1.   http://www.stern.de/wissenschaft/natur/?id=530490, Brokdorf
2.   http://home.comcast.net/~odenews/ElegantTernChatham.htm, Massachusetts, Fotos von Bälgen
3.   http://www.ups.edu/biology/museum/ELTEwing17338.jpg, Flügel, adult
4.   http://www.tsuru-bird.net/terns/tern_elegant_br4.jpg
5.   http://home.earthlink.net/~bonniedabird/elegant_tern.htm, zusammen mit Royal Tern
6.   http://131.220.109.5/groms/Species_HTMLs/Telegans.html, Verbreitungskarte

Lesser Crested Tern
7.   http://www.tp.spt.fi/~jnie/bird/DV_pic/steben1.jpg
8.   http://www.unep-aewa.org/birds/images/photos/steben2.jpg, vergleiche mit 11
9.   http://www.mangoverde.com/birdsound/picpages/pic68-4-1.html

Cayenne Tern
10.   http://www.geocities.com/secaribbirds/idsandwichcayennetern.html, identification essay
11.   http://people.zeelandnet.nl/gelatik/aruba2003/cayenne%20tern.html, vergleiche mit 8
12.   http://people.zeelandnet.nl/gelatik/aruba2003/cayenne%20tern1.html, Flugbild
13.   http://www2.msstate.edu/~sd122/Other%20bird%20photos.htm
14.   http://www.ib.usp.br/ceo/fotos/fvlarid.htm

Royal Tern
15.   http://rosswarner.com/1000.jpg
16.   http://www.birdsofoklahoma.net/images/Royaltern03.jpg
17.   http://www.pairsonice.net/photos/photo.php?photo=238
18.   http://www.netfugl.dk/pictures.php?id=showpicture&picture_id=4270, Gambia, albididorsalis
19.   http://ccwild.cbi.tamucc.edu/webcams/photogallery/Caspian%20Tern%202.jpg
20.   http://www.kidwings.com/localbirds/royaltern/1.jpg
21.   http://www.aerc.be/OBT/African-Royal-Tern/index.htm, 50 Fotos von albididorsalis

Orange-billed terns
22.   http://www.aerc.be/Orange_billed_terns.htm, in Spanien, Belgien und Frankreich; Fotos African Royal Tern
23.   http://www.irishbirding.com/kerrytern.html
24.   http://www.surfbirds.com/mb/Features/orange-billed-terns-0702.html, Fotos der europäischen Nachweise aus dem Sommer 2002
25.   http://www.bavarianbirds.de/fu/tern.html, Fuerteventura 2004



Club300 Deutschland

Club300 Deutschland 2005: Schmuckseeschwalbe Sterna elegans im Herbst 2004 in Deutschland.


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